Lengede

Lebendig begraben: Das Unglück von Lengede


Das sich im Oktober 1963 in der niedersächsischen, knapp 20 km südwestlich von Braunschweig liegenden Gemeinde Lengede ereignende Bergwerksunglück hat in der damaligen Öffentlichkeit eine über das übliche Interesse bei Unglücken dieser Art hinausgehende Aufmerksamkeit verursacht. „Lengede“ wird von Historikern als eines der Schlüsselereignisse der noch jungen Bundesrepublik Deutschland eingestuft. Weniger das Unglück an sich mit den für die unmittelbaren Betroffenen tragischen Folgen als die dramatischen Umstände des nach Unglückseintritt anlaufenden Rettungsmanagements haben zu dem außergewöhnlichen Stellenwert des sich insgesamt über einen Zeitraum von zwei Wochen hinziehenden Ereignisses geführt. Von großer Bedeutung für das bezeichnenderweise in der Erinnerung von vielen Zeitgenossen nicht als „Unglück von Lengede“, sondern als „Wunder von Lengede“, wahrgenommene Zeitereignis war dessen unmittelbare mediale Verbreitung durch die modernen Massenkommunikationsmittel Radio und Fernsehen.

Ort des Unglücks war die zum Bergbau-Unternehmen Ilseder Hütte gehörende Eisenerzgrube Legende-Broistedt. Hier war lange Tagebau auf den Brauneisenstein-Grubenfeldern betrieben worden. Als Ergebnis war die Lengeder Landmark mit zahlreichen ehemaligen Abbaulöchern übersät, die sich mit Wasser gefüllt hatten und als „Schlammteiche“ bezeichnet wurden. Ab 1914 wurde der Tagebau durch Untertagebau ergänzt. 1921 wurde der bis 112 m tiefe und etagenartig in 100-Meter- und 60-Meter-Sohle unterteilte „Schacht Mathilde“ eröffnet.

Am Nachmittag des 24. Oktobers 1963 waren 128 Bergleute der Spätschicht und ein Monteur der Firma Siemens eingefahren. Die Grube galt als ein ausgesprochen nasses Bergwerk. Wegen des ständig nachsickernden Wasser mussten pro Minute acht Kubikmeter abgepumpt werden. Etwa um 20.00 Uhr durchbrach das Wasser im über der Grube liegenden „Schlammteich 12“ die Erdschicht zwischen Teichboden und einem Stollen. Fast ein eine halbe Million Kubikmeter Schlamm und Wasser stürzte in das Bergwerk und überflutete in kurzer Zeit den Bereich zwischen 100-Meter- und 60-Meter-Sohle. Die meisten der von dem Wassereinbruch überraschten Kumpel konnten sich in Sicherheit bringen. Über einen Materialeinfallstollen, direkt durch den Schacht beziehungsweise durch ein Wetterbohrloch retteten sich insgesamt 79 Männer ins Freie. Für die übrigen 40 Männer gab es zunächst nur wenig Hoffnung, dass sie überlebt haben könnten. Die dennoch sofort anlaufenden Suchbohrungen hatten aber bereits am 25. Oktober ersten Erfolg. Sieben Bergleute, die sich in etwa 40 m Tiefe in der Nähe der Einbruchsstelle hatten retten können, konnten geortet werden. Eine Rettungsbohrung erwies sich bald als überflüssig, weil sich der Wasserspiegel in diesem Bereich abgesenkt hatte und die Eingeschlossenen daher in der Lage waren, sich über einen wieder zugänglich gewordenen Stollen aus eigener Kraft ins Freie zu retten.

Überlegungen der Grubenleitung führten zu dem Schluss, dass die einströmenden Wassermassen an bestimmten Streckenabschnitten durch Überdruck wahrscheinlich Luftblasen gebildet hatten, in denen eingeschlossene Bergleute möglicherweise überlebt haben könnten. Gezielte Suchbohrungen führten am Nachmittag des 27. Oktobers tatsächlich zum Kontakt zu drei Bergleuten, die sich in 80 m Tiefe in eine solche Luftblase gerettet hatten. Vom vor Ort berichtenden NDR wurden Mikrofonausrüstungen zur Verfügung gestellt, über die mit den Eingeschlossenen gesprochen werden konnte. Die Retter standen vor dem Problem, nicht einfach einen konventionellen Rettungsschacht bohren zu können, weil dadurch die Druckverhältnisse mit tödlichen Konsequenzen für die Bergleute verändert worden wären. Die Lösung dieses Problems brachte eine Druckumwandlungskammer, die über dem Bohrloch aufgesetzt wurde und so für gleich bleibende Druckverhältnisse sorgte. In einem überaus vorsichtigen Bohrverfahren wurde ein Rettungsrohr von 60 cm Durchmesser vorgetrieben. Am Frühmorgen des 1. Novembers gelang dann der Durchbruch. Jetzt kam die so genannte „Dahlbusch-Bombe“ zum Einsatz. In dieser etwa 2,5 m langen und knapp 40 cm durchmessenden, in ihrer Form an einen Torpedo erinnernden Rettungskapsel wurde am Mittag des 1. Novembers ein Grubenwehrmann zu den Eingeschlossenen abgelassen. Er half den drei Bergleuten beim Einstieg. Um 13.30 waren alle vier Männer wieder oben. Nach drei Stunden in der Druckausgleichskammer konnten die Geretteten ins Krankenhaus gebracht werden.

Seit dem Wassereinbruch waren acht Tage vergangen. Nach weiteren, erfolglosen, Suchbohrungen brach die Grubenleitung die Rettungsarbeiten am 2. November ab. Die meisten Helfer wurden abgezogen. Vermessungssteiger Kurt Schoenfeldt wollte sich mit dieser Entscheidung nicht abfinden. Er hielt es für möglich, dass Bergleute in einem, „Alten Mann“, einem ausgeerzten und deshalb aufgegebenen Stollen, Schutz gefunden haben könnten. Schoenfeldt setzte 15 weitere Suchbohrungen durch. Während bereits die Vorbereitungen zur Trauerfeier für die für tot Erklärten begonnen hatten, brachte die letzte Suchbohrung am 3. November Kontakt. 21 Bergleute hatten sich in eine „Alte Mann“-Höhle in 56 m Tiefe retten können. Zehn Männer waren von fallendem Gestein erschlagen worden. Die übrigen Männer hatten ohne Essen und Licht zehn Tage auf engstem Raum und in steter Todesangst überlebt. In einer dramatischen Aktion, bei der die hochprofessionell handelnden Retter vor enormen technischen Schwierigkeiten standen, wurde bis zum 7. November ein Rettungsschacht gebohrt. Das öffentliche Interesse war gewaltig. Live-Übertragungen vom Bohrort lieferten laufend Informationen. Am 6. November telefonierte Bundeskanzler Ludwig Erhard mit hörbar bewegter Stimme mit den Eingeschlossenen und sprach ihnen Mut zu. Am Folgetag konnten alle elf Überlebenden mit der Dahlbusch-Bombe an die Oberfläche gebracht werden.

Insgesamt waren 29 Männer beim Unglück ums Leben gekommen. 15 Männer starben wahrscheinlich bereits am 24. Oktober. Bei einigen später tot Geborgenen wies der Bartwuchs darauf hin, dass diese Männer zwei Wochen lang bis zu ihrem Tod lebendig begraben gewesen sein müssen.

An der Rettungsaktion, die bei vielen Menschen damals den Glaube verstärkt hatte, dass die moderne Technik „Wunder“ bewirken könne, waren zeitweilig mehr als 1000 Menschen beteiligt. Zur Rettung der Lengede-Überlebenden hatten vor allem das Know-how der Fachleute sowie modernstes, von Privatfirmen zur Verfügung gestelltes Spezial-Gerät beigetragen.

1969 wurde das Unglück im ZDF-Dokumentarspiel „Das Wunder von Lengede“ und 2003 in einem gleichnamigen Sat.1-Zweiteiler thematisiert.