Sensationsgier


Ein Blick in die Zeitung zeigt immer deutlicher, dass viele Artikel so aufgemacht sind, dass diese die Sensationsgier im Leser wecken. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Sensationsgier etwas ist, das unterbewusst angesprochen wird. Dies geschieht durch Sprache, aber auch durch Bilder und Farben. Und deshalb ist das Phänomen, dass der Leser eher auf schlechte denn auf gute Nachrichten reagiert, auch im Fernsehen zu beobachten.

Der Mensch springt beim Blick auf ein Bild oder auf eine Schlagzeile auf bestimmte optische Reize an und entscheidet meist binnen dreißig Sekunden darüber, ob er sich näher mit dem Thema beschäftigen will oder den Vorgang abbricht.

Negative Nachrichten, Bilder oder Schlagzeilen erzeugen beim Betrachter unter anderem ein Gefühl der diffusen und vor allem als nicht wirklich bedrohlich empfundenen Angst und den damit verbundenen Wunsch, sich näher zu informieren, aber nicht, um Neues zu erfahren, sondern um dieses Gefühl zu verstärken. Der wohlige Schauer und die Gier, mehr über das Unglück der anderen zu erfahren, läuft unbewusst ab. Gesteuert werden diese Prozesse, durch die Tatsache, dass zum Beispiel die Schlagzeile „Mann von Kampfhund zerfleischt“ mehr diffuse Ängste und wesentlich stärkere Emotionen erzeugt als eine Überschrift wie „Tödlicher Unfall durch Hundebiss“.

Dies liegt daran, dass Worte wie „Kampf“ bei den meisten Menschen großes Interesse hervorrufen, welches steigt, je mehr dieser Worte der Leser im Text vorfindet.

Noch ein anderes Phänomen kommt hinzu. Ähnlich dem pawlowschen Hund sind viele Leser durch eine Vielzahl gleich aufgebauter Artikel so koordiniert, dass sie automatisch auf gewisse negativ besetzte Worte und Wortkombinationen anspringen. Und da ihre nun einmal geweckte Neugierde durch einen Artikel meist nicht befriedigt wird, entsteht in ihnen eine Unzufriedenheit, aus welcher der Wunsch entsteht, mehr zu erfahren: so ähnlich wir beim Raucher, der nach Genuss der Zigarette schon gierig auf die nächste ist.

Bei Bildern geschieht übrigens etwas Ähnliches: Meist werden zur Weckung der Sensationsgier Bildausschnitte gezeigt, welche besonders gefährlich wirken. Um beim Kampfhundbeispiel zu bleiben: Hier wird die Sensationsgier angestachelt, indem man zum Beispiel in Großaufnahme das Gebiss des Hundes zeigt und somit eine dramatische Spannung erzeugt, welche wiederum den Fokus der Aufmerksamkeit auf sich lenkt.

Positive Schlagzeilen dagegen sprechen die niederen Instinkte des Menschen wie Häme oder Schadenfreude viel weniger an. Zudem erzeugen sie kein suchtstrukturähnliches Vakuum im Leser. Dieser- so fanden Sprachwissenschaftler und Psychologen heraus-hört zudem lieber, dass es anderen schlechter geht als ihm selber, und dass auch Prominente ihr Päckchen zu tragen haben.