Katharina Bennefeld

Geisel in der JVA Celle


In Gefängnissen kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Am 26. Februar 1996 kam es in der JVA Celle zur Katastrophe: Ein Häftling der wegen Mord und Vergewaltigung in der Haftanstalt lebte kam in den Besitz eines Messers und einer Schere. Während des Gespräches mit einer Sozialarbeiterin vergewaltigte er diese und nahm sie anschließend als Geisel, drohte, sie umzubringen.

Die Psychologin Katharina Bennefeld-Kersten leitete die JVA Celle zu diesem Zeitpunkt. Auch kannte sie den Geiselnehmer. Bennefeld-Kersten entschloss sich aus Wut über die Dreistigkeit des Häftlings, aus Sorge um das Leben ihrer sensiblen Angestellten und mit dem Gefühl, sie könne mit dem Geiselnehmer fertig werden, zu einem riskantem Schritt: Über Telefon bietet sie sich selbst als Ersatzgeisel für die Sozialarbeiterin an.

Der Geiselnehmer lässt sich zum Austausch überzeugen und Katharina Bennefeld-Kersten nimmt den Platz ihrer Kollegin ein. Tatsächlich gelingt es der Psychologin den Geiselnehmer zu beruhigen, sodass dieser Verhandlungen aufnimmt und Katharina Bennefeld-Kersten nichts passiert – vorerst.

Doch die Polizeileitung ist unkoordiniert und hält sich nicht an die getroffene Absprache, mit der die Situation jetzt vermutlich friedlich zu einem Ende hätte kommen können. Doch dann kippt die Situation. Als nach einer halben Stunde noch immer nichts geschehen ist und plötzlich das Geräusch eines Polizeihubschraubers die Luft erschüttert gerät der Mann in Rage. Bennefeld – Kersten wird später sagen „Schon an seiner Stimme merkte ich, das Blatt wendet sich“.

Nun fordert er von der Polizei einen 5er BMW und viel Bargeld. Doch die Polizei sagt, hierfür würden sie zwei Stunden Zeit benötigen. Der Geiselnehmer legt auf und für Katharina Bennefeld-Kersten beginnt erst jetzt das wahre Drama. Der Geiselnehmer fesselt ihr die Hände auf dem Rücken, stopft ihr die Strumpfhose in den Mund die er der Sozialarbeiterin vom Leib gerissen hatte.

Wehrlos, aber innerlich ruhig, wird Bennefeld – Kersten nun ebenfalls Opfer des Sexualverbrechers. Mit den Gedanken beim Mobiliar steht sie das durch. Doch nun befindet sie sich natürlich auch in Lebensgefahr. Der Geiselnehmer sitzt bereits wegen Mordes und Vergewaltigung im Gefängnis, hat gerade noch zwei Frauen vergewaltigt und weiß, dass er nichts mehr zu verlieren hat. Er wird das Gefängnis in einem Leichensack verlassen, entweder heute mit einer Kugel in der Brust oder an seinem natürlichem Lebensende.

Doch sie hat Glück: Der Geiselnehmer lässt sich auf die Gestik von Bennefeld-Kersten ein, die dem rauchendem Mann signalisiert, dass sie auch rauchen möchte. Er nimmt ihr Fesseln und Knebel ab und gewährt ihr diesen Wunsch. Und sie kommen ins Gespräch.

Während die Wut aus dem 36-Jährigen weicht, beginnt die Psychologin ein persönliches Verhältnis zum Geiselnehmer aufzubauen. Als sie schließlich sagt „Komm, wir gehen jetzt raus.“ gibt der Geiselnehmer tatsächlich auf und übergibt ihr sein Messer.

Der Geiselnehmer wurde zu weiteren 15 Jahren Haft verurteilt, in eine andere Anstalt verlegt und verbringt den Rest seiner Tage nun in Sicherheitsverwahrung.

Katharina Bennefeld-Kersten leitete die JVA Celle weitere 5 Jahre lang – und genoß ihre Arbeit mehr als je zuvor, nachdem sie in dem von Männern dominiertem Berufsfeld endlich vollauf respektiert wurde. Katharina Bennefeld-Kersten ist mit sich selbst im Reinen und leidet nicht unter den Folgen der Vergewaltigung. Ihre Geschichte wurde zur Grundlage für einen Spielfilm aus dem Jahr 2003: Die Geisel.